Dienstag, Mai 24, 2005

3. Oktober: Khora, erster Tag

Ich sitze gerade im Zelt, das uns heute auf fast schon 5000m aufgestellt wurde, und trage aus gegebenem Anlass erstmals seit ich die Kontrolle über meine Kleidung übernommen habe eine lange Unterflak, die mir Gabi – Lob sei ihr und Dank – hier herauf mitgenommen hat. Unschwer ist zu erkennen, dass wir es heute recht frisch haben, und dass ich bei ein paar Graden plus mehr Spaß an der Sache hätte. Andererseits erhalten auf diese Weise diejenigen Momente des Tages, an denen es nicht kalt ist, etwa die Abendsuppenvertilgung oder die Pausen in den Teezelten, einen schönen Mehrwert. Diese Zelte wirken von außen ziemlich unscheinbar und wenig einladend, entfalten im Inneren aber eine erstaunliche Gemütlichkeit.
Da heute Sonntag ist, mussten wir zuerst ins Kloster (mir ist der Name entfallen, ich erbitte LeserInnenreaktionen!), durften aber anschließend gleich zum Frühschoppen ins Teehaus. Passt. Der folgende Anstieg war nicht besonders anstrengend, dafür war’s aber wie bereits erwähnt recht frisch.
Ich müsste jetzt raten, aus welchem Gestein der Kailash besteht (Granit?), die Felsen an seinem Fuß, an denen wir heute vorbei kamen, waren jedenfalls eine optisch ausnehmend ansprechende Konglomeratformation; so eine schöne Wand würde ich mir mit Bohrhaken versehen 4000m weiter unten und 5000 Kilometer weiter westlich wünschen... Ob es diese profanen Gedanken im Angesicht des heiligen Berges waren, die verhinderten, dass ebendieses Angesicht zu sehen war? Alle zwei Minuten warfen wir hoffnungsvolle Blicke hinauf zum Berg, aber keinen einzigen Augenblick zeigte sich der Gipfel – und das im Wissen, dass an den folgenden Tagen der Kailash sowieso kaum zu sehen sein wird! Ich selbst hätte zwar eh nicht viel fotografieren können (wir erinnern uns schmerzvoll), aber ein Dutzend anderer sehr wohl. Der hartnäckigste darunter war wohl Karl, den selbst ein schiacher Wind kaum von seiner Lauer abbringen konnte. Wir anderen knotzten währenddessen im Teahouse, wo wir von einer Gruppe frenetisch kartenspielender Tibeter auf wohltuende Art und Weise ignoriert wurden.


As good as it gets: Mehr zeigt uns der kailash nicht.
Foto: Gabi

Am Abend machten wir Bekanntschaft mit – ich gebe ihren Namen phonetisch wieder – Krysanschodo, einer unserer YakmanagerInnen. Sie ist alleine durch ihre Größe eine auffallende Erscheinung, freundlich und interessiert (besonders Gabi hat es ihr angetan) – leider funktioniert unsere Unterhaltung nur nonverbal, d.h. sie stößt recht bald an ihre Grenzen.
Da wir nur das Nötigste auf der Khora dabei haben, nehmen wir das Abendessen heute im Schneidersitz ein, was die ganze Sache verkürzt. Zu Beginn der Reise ist es mir noch sehr feudal vorgekommen, dass wir überall unsere Sesserl mitgeschleppt bekommen haben, aber hier zeigt sich schon allein am saftigen Knacken dutzender Knie die Sinnhaftigkeit dieses Accessoires.

Keine Kommentare: