Mittwoch, Juni 01, 2005

25. September: Dakhlapuri - Kermi

Weil Susanne heute Geburtstag hat, gratulieren wir artig mit Abbusseln und dünnem, aber wohlmeinendem Gesang. Dabei werden wir von unseren nepalesischen Begleitern mit ethnologischem Interesse beäugt.
Auch heute ist – ja, man soll es sagen dürfen! – das Wetter traumhaft, meine Wadln erglühen vor Freude. Die Strecke führt nun stetig, aber sanft bergauf, angeblich vorbei an Marijuanafeldern, aber gesehen hab ich nichts davon, ich würd’s ja auch nicht erkennen. Je näher man einem Dorf kommt, desto mehr abgerupfte Stauden sind zu sehen; unsere Tragtierbetreuer frühstücken übrigens jeden Morgen Rauchwaren.
Der Weg durch die Region Humla ist eine der letzten Karawanenrouten, die immer noch in Betrieb sind. Schon in aller Früh werden Hundertschaften an Schafen und Ziegen in Richtung Tiefland getrieben, die meisten tragen kleine Salzsackerl um den Leib geschnürt. Manchmal steckt da aber statt Salz ein kleines Goaßerl oder Lamperl drin, das noch nicht marschieren kann. Das schwere Gepäck wird von Zoks getragen, einer Mischung aus Rind und Yak, die sich scheins mit den Hirtenhunden nicht gut vertragen, denn wenn grade der Hirte nicht hinschaut, schleudern sie diese mittels ihrer Hörner in die Stauden.


Humla Trucks. Foto: MNK


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Verkehrsüberlastung auf der A1. Foto: MNK


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Wir teilen uns den Weg nach Kermi, unserer Jausenstation, mit einem Schippel buntgewandeter, stets fleißig ratschender und kudernder Damen, die zuerst gschaftig losrennen und unsere Marschleistung in den Schatten stellen. Ist aber ein solcher in Sicht, rasten sie wieder. Zusammen mit den uns ständig entgegenströmenden Salztieren („Humla-Trucks“) ergibt das zuweilen ein ordentliches Verkehrschaos. In Kermi kommen die Damen ürigens in den zweifelhaften Genuss einer Mao-Schulung, ich habe aber den Eindruck, dass sie nicht ganz bei der Sache sind und lieber uns Damen bei der verzweifelten Suche nach einem dezenten Ludlplatz zuschauen.


Foto: MNK

Ab Kermi wird die Gegend waldiger, und nach etwa einer Stunde taucht der Saipal auf (7050m) – angeblich, denn welcher genau das ist, wird auf der ganzen Reise nie ganz klar werden. Der Wald ist bezaubernd, von Zeit zu Zeit erblickt man darin ein Rotkäppchen namens Karl, das von Fels zu Fels hüpft, um Dias zu machen. Eine Viertelstunde vor Erreichen des heutigen Etappenzieles bleibe ich mit Gabi, Christa und Gowa auf einem Pass in der Sonne sitzen und verspeise Danis handverlesene Apfelspeitl. Was kann man zu solchen Momenten noch sagen?
Gowa erzählte mir, dass er vor kurzem mit Österreichern unterwegs war, einer davon habe gesagt, er sei etwas Wichtiges. Ich fing an, ihm zu erklären, dass Österreich ca. 8 Millionen seeehr wichtiger Menschen beherberge, doch dann musste ich zugeben, den angeblich so wichtigen Österreicher tatsächlich zu kennen, es war der Wiener Verkehrsstadtrat (sollten Sie das hier lesen: Schönen Gruß von Gowa!).


Foto: MNK


Foto: MNK

Gowa hat mir vorgeschlagen, nach dem Essen gschwind auf den über dem Lagerplatz thronenden Berg hinaufzusteigen; ich bin noch am Überlegen... vielleicht sollte ich doch, denn vor 10 Minuten haben mich die unsäglichen G.-Brothers („Papa, jetzt wiss´n ma, warum ma ned mid de Meindl-Menscha spün ham derfn! De san wirklich a weng komisch!“) mit dem Ansinnen, in mein Zelt zu brunzeln, molestiert. Erst lautes Bellen und schrille Hilfeschreie konnten sie dazu bewegen, vom Urinieren abzulassen. Allerdings wollen sie wiederkommen, denn in ihrem Zelt pferdelt es angeblich. Was Wunder, wenn wir auf einer Tragtiertoilette zelten. Ansonsten haben wir es sehr malerisch hier mitten im Wald neben dem Fluss. Wenn nur die PenBiskuitHalloHalloHalloSchnorrer einmal ausblieben! Kaum öffnet man irgendeinen Reißverschluss, sei es am Zelt, sei es am Rucksack, stürmen sie erwartungsfroh herbei. Das ist eine komplizierte Situation, weil mir natürlich bewusst ist, dass die Kinder hier wirklich nicht wahnsinnig viel zu essen haben, und es mir nicht leicht fällt, vor ihren Augen Unmengen an gutem Essen zu verschlingen. Aber andererseits ist das ubiquitäre „hallohallopen“ scheinbar wirklich die einzige Form, wie sie uns gstopften Westlern begegnen können/wollen. Gestern sahen wir auf dem Dach eines Hauses einen Kleinen stehen, der aus etwa 20m Entfernung die Hand aufhielt und uns dann nach Frustration seines Ansinnens den nackichen Hintern entgegenstreckte. Einen Ghertsi hatte der nicht. Also aufmerken: Armut macht lästig! Deswegen bitte sehr viel spenden, damit man die Kinder wieder unumschränkt niedlich finden kann.
Wenn die anderen nicht bald Fleisch zu essen bekommen, werden sie bald überzeugt sein, dies geschähe nur wegen mir, und werden am Ende mich schlachten. Gestern ist übrigens eines unserer Tragpferde zu Tode gestürzt. Lukas nahm dies zum Anlass, in meinem Namen eine Trauerminute einzufordern und eine Diskussion zu der Frage, ob Pferde in den Pferdehimmel kommen, anzuregen. Dem wurde mit dem Vorschlag begegnet, ich könne ja jetzt das Pferderl essen, da es nicht von böser Menschenhand umgekommen sei. Ich fühlte mich in meiner Funktion als Edith Klinger der Gruppe nicht ernst genommen.

Montag, Mai 30, 2005

27. September

Durch die günstige Lage unseres Zeltplatzes haben wir schon am Morgen Sonne – das lob’ ich mir! Das entschädigt für den ersten unschönen Anblick dieses Morgens: Florian und Lukas liegen wie zwei feiste, feuchte Maden hinter ihrem (wenigstens nicht meinem) Zelt. Wegen der Sterne, sagen die zwei falschen Fuffziger, aber ich hoffe insgeheim, dass den Schafen nichts passiert ist...


Am Campingplatz von Caorle. Foto: MNK

Zur Sonne passend gibt es Milchreis zum Frühstück, ich esse für drei; natürlich um mich für die kommenden Anstrengungen zu rüsten. Überhaupt scheine ich die einzige zu sein, die sich Maxens Anweisung „Tuat´s Depot-Essen!“ zu Herzen genommen hat, während sich zum Beispiel Josef jeden Tag ein neues Loch im Gürtel bohren muss. Heute musste erstmals ein Schaf für uns sein Leben opfern. Viele Gruppenmitglieder waren betroffen, als sie den Kampf des seinen Tod wohl vorausahnenden Tieres mitansehen mussten! Dennoch waren nach dem kollektiven Verzehr des Kadavers alle so begeistert, dass angedacht wurde, Mingma eine Aufenthaltsgenehmigung zu besorgen. Ich alleine war mir sicher, dass am heutigen Tag die Engerl im Himmel sehr geweint haben.


Foto: MNK


Foto: MNK


Foto: MNK


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Vorne Mingma, Spitzenkoch im Expeditioskader; links Pasang, Chefentertainer. Foto: MNK

Nachdem wir heute auf etwa 3700m zelten, legen wir morgen einen Akklimatisationsrasttag ein. Bis jetzt spüre ich die Höhe noch kaum, ich penne jede Nacht mit kurzen Unterbrechungen von 21 bis 6 Uhr, habe kein Kopfweh und fürchte mich wie oben erwähnt vor meinem Appetit. Das liegt sicher am langsamen Aufstieg. Ich genieße das sehr, weil man immer schauen, fotografieren und ratschen kann. Wenn die Nepalesen bloß nicht immer Sachen sagen würden, die nicht im schlauen Kauderwelschbuch stehen, und versuchen würden, mir an einem Tag ca. 5000 neue Vokabel beizubringen! Ich lasse ihnen dann als Revanche immer ganz ausgefuchste Dialektwendungen mit möglichst vielen „ö“ und „ch“ sagen.
Der heutige Lagerplatz ist sicher der schönste bisher, wir liegen auf einer almähnlichen Wiese in einiger Entfernung zum nächsten Ort (weswegen heute auch erstmals die lieben Kinderlein ausbleiben). Die Landschaft ist schon ein wenig karger, man glaubt zu ahnen, wie es auf der anderen Seite aussehen wird.


Foto: MNK

Jeden Abend kann ich hier meines Amtes als Abt Wickerl walten und die Botschaft der „Hundstage“ unter das Volk bringen, wobei mich meine Adepten Florian und Lukas vorbildlich unterstützen – der Lucky-Opa wäre stolz auf mich (während an dieser Stelle meine Schwestern, die viel unter meiner Hundstagsphilie zu leiden haben, froh sein werden, nicht mitgefahren zu sein). Bald werden auch alle anderen Teilnehmer und Innen die zehn erotischsten TV-Moderatorinnen kennen. Josef wiederum kennt den Hader noch auswendiger als ich – es herrscht also gar eitel Wonne auf dem Unterhaltungssektor.

Sonntag, Mai 29, 2005

28. September: Rasttag und andere Freuden

So ein Rasttag kann schon was. Es liegt eine sehr harmonische Stimmung über dem ganzen Geschehen; jeder kramurlt ein wenig herum, wäscht sich und seine Sachen in einem der kleinen Bäche der Umgebung (hoffentlich kippen die jetzt nicht!), plauscht, liest, schreibt oder marschiert. Leider war auch Gelegenheit zum Gstießenjagen – innerhalb zweier Stunden war mein Erbteil verspielt. Die großmütigen Gewinner bestehen jedoch nicht auf der Auszahlung (ob mein bitterliches Greinen dies bewirkte?) und lassen sich mit einer Hopfenkaltschale in Purang abspeisen (jetzt, viele Monate danach, muss ich feststellen, dass diese Spielschuld immer noch offen ist!).
Nachdem mich Florian bereits am Vormittag gefragt hat, ob ich leicht jetzt auch endlich mein Haar gewaschen hätte, sehe ich es ein und gehe wirklich. Der frischgewaschene Flausch brachte das Lästermaul vorerst zum Verstummen, zumal ich ihn zuerst vorm eigenen Zelt kehren hieß: Lukas behandelt sein Haar mit Yakbutter! Und letzte Nacht hätte er ihn mir überhaupt ob dessen olfaktorischer Fuß-Misere bald ins Zelt gelegt. Das war übrigens der erbaulichste Dialog bisher: „Ma, Lukas, des giiiibt´s jo ned wia deine Sockn stinkn!“ „Ma, host recht! Wääääääh!“ Dann fiel noch das Wort „Schlierbacher“, bevor Abhilfe geschaffen wurde.
Am Nachmittag ließ ich mich von den beiden zu einer Tour auf den uns gegenüberliegenden Hügel überreden, schon alleine um Mutter und Vater Gahleitner wenigstens einen kleinen Moment der Ruhe zu gönnen. Oben auf dem Kamm entlohnte die Aussicht für das nicht unbeschwerliche Marschieren – immerhin befindet man sich dort auf über 4000m (erstmals hat Florians Höhenmesser den Dienst aufgesagt – Max hat uns übrigens den schönen Begriff „Zivilisationsmüll“ für solche Gadgets geschenkt), und ich war laufend damit beschäftigt gewesen, den Buam nicht zu erkennen zu geben, dass sie mir jeden Moment auf und davon steigen hätten können. Beim Abstieg führten wir eher unfreiwillig das Experiment durch, ob und wie Yaks auf Rot reagieren, da Florian seinen knallroten Janker trug. Man kann sagen, dass man uns zweifelsohne bemerkt hat, dass jedoch der Angriff ausblieb. Nebeneffekt war eine Steigerung der Leistungsfähigkeit bei der Bewältigung des Aufstiegs zum Lagerplatz.


Foto: MNK


Foto: MNK


Foto: MNK


Foto: MNK


Foto: MNK


Foto: MNK

Der heutige Nachmittagstee, zu dem es normalerweise trockene Ananaskeksi und eine geopolitische Fragestunde gibt (Max drohte uns wiederholt mit einem Test am Ende der Reise, sodass wir alle immer eifrig mitnotierten), artete zu einem veritablen Geburtstagskränzchen aus, das im Nachhinein auch die Existenz der Rotweinflaschen im Reisegepäck erklärte. Champagner, Rotwein und auch eine Linzer Torte wurden hervorgezaubert. Letztere wurde gegen einen Kuchen Mingmas eingetauscht (wie er sowas fernab der Zivilisation zu Stande bringt, bleibt mir trotz Erklärung ein Rätsel), auf dem in Schokoschrift „Happy Birthday Andi und Sushi!“ zu lesen war. Den Namen wird sie sicher nicht mehr los. Im Laufe dieses Kuchenschmauses wurde schließlich eine Verfestigung der Gruppenbande manifest: Thomas hat zusammen mit meinem Onkel Herbert an einem Buch über die Gramastettner Andachtsstätten gearbeitet, während Karl und Andi W. erst heute draufgekommen sind, dass sie einst einen Aktmalkurs zusammen besucht haben. Florian und Lukas haben aufgrund der vielen Tagesfreizeit ein lustiges Spiel ersonnen: die Gesprächszerstörung. Das geht so: Äußert einer der beiden irgendeinen Satz, antwortet der andere mit „Na!“, worauf der erste „Doch!“ erwidert – und so ad nauseam. Leider habe ich mich hinreißen lassen und ihnen – in der irrigen Hoffnung, sie würden mit dieser Information verantwortungsbewusst umgehen – meine Lieblingsgesprächszerstörer verraten. Doch welch ein Fehler! Wenn man zu ihnen jetzt spricht, erntet man entweder ein „Na!“, ein künstliches Gähnen, ein „Wüüst drüwa redn?“ oder ein „Des is des wos duuuuu sogst!“ Ich sehe es ihnen an, dass sie gerne wieder an unseren Gesprächen teilnehmen würden, doch zu stark hat die Gesprächszerstörung von ihnen Besitz ergriffen. Am Abend hat es angefangen zu regnen, weswegen Visionen von nasskalten Schlafsäcken in mir aufzusteigen begannen. Aber besser als jede Fantasie waren jene Schwänke einer früheren Trekkingreise, die Thomas zu berichten hatte: Eingeweicht bis auf die Haut, kalt und – tätäää! – Durchfall! Da hüpft einem das Herz umso freudiger, wenn der Regen wieder aufhört und der Mond so tut, als wär’ nichts gewesen.


Foto: MNK

Samstag, Mai 28, 2005

29. September: Purang (Tibet)


Pemba, der Küchen-Sous-Chef. Foto: MNK

Beim Frühstück stellt Josef fest, dass er nie geglaubt hat, einmal zu Fuß nach China zu kommen – und doch wird ihm dies heute noch widerfahren.
Vom Lagerplatz aus mussten wir heute etwa 650 Höhenmeter bis zum Nara-La schaffen („La“ heißt „Pass“, für meine wissbegierigen jungen Leser!), bevor wir nach Tibet einreisen konnten. Das Erreichen des Passes wurde durch (leider z.T. schon etwas stacheliges) Gipfelschmusen gewürdigt, dem auch unsere Nepalesen zum Opfer fielen. Hoffentlich haben die keinen Schaden fürs Leben erlitten!


Am Nara La. Foto: MNK


Blick vom Nara La nach Tibet. Foto: MNK

Von oben konnte man zum ersten Mal ins gelobte Land schauen: viel Himmel, viele Wolken, viele Steine, viele Berge – überhaupt viel Landschaft also.
Ich kann im Nachhinein kaum sagen, worauf ich lieber verzichtet hätte: auf den Anstieg zum Pass oder auf den anschließenden Abstieg (bitte ca. 1000 Höhenmeter!) auf mächtigen Geröllhalden. Und dabei haben sich meine Knie schon für den gestrigen Abstieg bedankt. Ich halte mich schadlos, indem ich Pasang einrede, „Geh scheißn, Oida!“ wäre eine sehr respektvolle österreichische Anrede für einen jüngeren Freund und deswegen wie geschaffen für Lukas. Da er eben so wissbegierig wie höflich ist, lässt er sich diese Gelegenheit nicht entgehen und wendet die neue Phrase gerne sofort an. Als ihn zu seinem Erstaunen Lukas ein wenig herposcht, ist das Knieweh vergessen.


Foto: MNK


Sogar den Yaks hängt die Zunger heraus. Foto: MNK


Foto: MNK

Der folgende Marsch entlang des Karnali und über eine lange, dramatisch schwingende Hängebrücke war dann sehr schön, nur beim letzten Anstieg von Hilsa (Nepal) nach Sher (Tibet) hunzte es mich schon ein wenig.


Bildmitte: Drei Esel wagen einen Ausbruchsversuch in Richtung Tibet, bleiben aber leider auf der Hängebrücke stecken. Foto: MNK


Eine halbe Stunde später drehen sie wieder um. Vielleicht schaffen sie es das nächste Mal. Foto: MNK

Jenseits der Grenze lauerten andere Zustände bzw. ein strengeres Regiment. Nachdem ein seeeehr wichtiger Desinfekteur unsere Schuhsohlen von all den bösen nepalesischen Bakterien (die europäischen haben wir im Flugzeug gelassen, wir erinnern uns) befreit hatte, wurden wir mit dem mehrmals wiederholten Hinweis darauf, dass das Fotografieren des Militärpostens bei Strafe verboten sei, in eine sehr geschmackvoll eingerichtete Speise-/Wartehalle gelotst, die aussah wie ein altes Chinarestaurant in Oberloisdorf. An der Wand prangte ein unend verkitschtes Potala-Bild, auf dem der Mohn dort erblühte, wo in Wahrheit wahrscheinlich das Rotlichtviertel oder der Verschubbahnhof von den Chinesen hingepflastert worden ist. An den Boden war eine chemieblaue PVC-Wohnlandschaft geschraubt, auf der kurz zuvor eine wohl sehr fetthaltige und spritzige Mahlzeit eingenommen worden war.
Nach einiger Zeit traf der Fuhrpark mit zünftigem Getöse ein; die Yaks haben ausgedient, während sich deren Besitzer zum Geldvertun mit uns nach Purang mitnehmen lassen. Bei der folgenden Jeepfahrt (ich habe im Übrigen mit Gabi, Christa, Josef, Norbu und Pasang eine für die restliche Fahrt bestehen bleibende Fahr- und Schicksalsgemeinschaft gegründet) haben wir wohl schon einen Vorgeschmack auf die lange Fahrt zurück nach Kathmandu bekommen. Mir ist wahrscheinlich deswegen nicht schlecht geworden, weil der Körper einfach unmittelbar mitbekommt, dass mit ihm gefahren wird (ich wage gar nicht einzuschlafen, da mir sicher durch das wilde Schütteln der Kopf abgerissen werden wird, sobald die Körperspannung nachlässt). Dennoch habe ich als Talisman von Martina einen Reisespeibkaugummi bekommen, der mich beschützen soll. Pasang, der mir meinen gar lustigen Streich verziehen hat, hat mir selbstlos angeboten, vom Kofferraum aus meinen arg gebeutelten Kopf zu halten – vielleicht komme ich darauf zurück.
Purang (Taklakot) ist nicht Shangri-La, das wird bald deutlich. Etwaigen Touristenklischees wird sofort die Realität vor den Latz geknallt. Im offiziellen Guesthouse, das den Charme des Bahnhofs Wien-Mitte – ach, was red ich, der ist viel zu wenig erdig-dreckig – verströmt, werden wir von zwei sehr imposanten Militärs registriert/kontrolliert. Während wir darauf warten, einzeln und bitte der Reihenfolge auf der Liste nach vor die Herren zu treten, werden Passfotos angeschaut und ausgelacht. Dabei bittet mich jeder der Nepalesen, doch mein Haar wieder wachsen zu lassen. Nachdem wir für harmlos befunden worden sind, bekommen wir die Räume zugeteilt. Ich darf mit Andi S. und Sushi eine schon alleine vom Raumangebot her recht komfortable WG bilden, während die anderen mindestens zu fünft hausen. Die Zimmer sind einfachst – Dusche: haha!; Bettwäsche: lieber gleich weg damit; Klo: Das ist eine eigene Geschichte. Man muss den Hof überqueren und dann dem Geruch folgen. Weil die Latrinen selbst schon voll... ach was, ich erspar uns das. Jedenfalls war die Beschaffenheit des Hofes eine entsprechende. Ergötzlich aber war die jeweilige Reaktion der armen Menschen, die es zur Erleichterung drängte beziehungsweise die entsprechenden Erlebnisberichte. „He, üwam Klo hoggalt a Chines mid da Zeitung und plogt si. Da Reis stopft oiso do – drum ham´s a so Schlitzaugn...“ Alle später berichtenden Herren konnten bestätigen, dass der so verunglimpfte unter Obstipation Leidende wohl mit der Zeitung fertig werden würde.
Überhaupt war interessant, wer sich bei uns am Hof so aller herumtrieb. Es wurden Vermutungen geäußert, denen zufolge im Verschlag gleich neben dem Eingang ein Knusperhäuschen eingerichtet sei, denn laufend schlupften dort Leute hinein, darunter auch aufgebrezelte Chinesinnen, ohne dass eine/r je wieder herausgekommen wäre. Ich will das aber eh nicht so genau wissen.


Bahnhof Purang-Mitte. Foto: MNK


Ein Motorrad ist für die drei Kilometer asfaltierter Straße in Purang unerlässlich - zumindest wenn man etwas repräsentieren will wie der Besitzer ganz links... Foto: MNK

Max warnt uns eindringlich davor, auf die Hügel hinter dem Guesthouse zu steigen, um Purang oder die Berge zu fotografieren (Karl schwört übrigens, dass einer davon genau ausschaut wie der große Priel – warum fahr ich dann so weit weg?), denn im April dieses Jahres hat man Österreicher bei eben dieser Gelegenheit verhaftet und in einer tagelangen Fahrt in die Provinzhauptstadt Ali verfrachtet. Dort hat man ihnen dann in den Pass geschrieben, dass sie innerhalb der nächsten fünf Jahre nicht nach Tibet einreisen dürfen. Das wird ihnen noch eher wurscht gewesen sein als die fünf unnötig im Polizeiauto verschissenen Tage...
Obwohl kaum einer nicht der Abreise mit positiven Gefühlen entgegensah, ist doch von angenehmen Dingen zu berichten, vom Fußballspielen im Hof etwa, oder vom Abendessen in einer chinesischen Garküche, bei dem unabsichtlich eine ziemliche Menge Bier konsumiert worden ist und bei dem alle mit Stäbchen essen mussten – dementsprechend schaute dann der Tisch aus, aber das ist hier angeblich eh Usus. Angenehm waren auch meine Zimmergenossen, die mir vor dem Schlafengehen noch ein Schnapserl ans Bett getragen haben... Und doch schlief ich sorgenvoll ein; wo würde ich morgen dem Ruf der Natur folgen können? Und warum, wie irgend jemand so treffend bemerkte, kann es hier nicht einen geben, der uns die Füße desinfiziert?

Freitag, Mai 27, 2005

30. September: Manasarovar-See

Florian und Lukas waren letzte Nacht noch leischen; bevor die beiden (angeheitert oder nicht) das mit vier anderen zu teilende Zimmer betraten, hielten sie sich gegenseitig noch an, die darin schon Schlafenden ja nicht aufzuwecken. Zu diesem Zwecke öffneten sie alle Reißverschlüsse und Schuhbänder noch draußen – mit der Folge, dass Florian Lukas (oder umgekehrt?) dann auf ebendiese trat und ihn dadurch zum Fall auf das Bett von Mutter Gahleitner brachte. Wenn zu diesem Zeitpunkt (die beiden Schwerenöter waren natürlich auch noch in lautes Gelächter ausgebrochen) noch irgendjemand geschlafen haben sollte, so wachte er/sie spätestens unsanftest durch das (absichtliche?) Hinunterwerfen einer Alutrinkfalsche auf den Betonboden (!) auf. Eitel berichteten mir die beiden selbst von ihrem groben Unfug. Welch ein Glück für mich, dass mich höchstens ein mal mehr, mal weniger dezentes Herrenschnarchen um den Schlaf brachte. Den mitten in der Nacht stundenlang bellenden Hund habe ich allerdings trotz aller Tierliebe in Gedanken hundertmal verwurschtet.

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Wir sind heute Nachmittag am in der Tat juwelenfarbenen heiligen Manasrovar-See angelangt. Wir campen direkt am Ufer; das Rauschen der Wellen und das leise Schnarchen aus einem der Nachbarzelte ergeben eine äußerst (schlaf-)anregende Klangtapete.


Unsere Jeeps. Foto: MNK


Gebetsfahnen auf dem Weg zum Manasarovarsee. Foto: MNK


Der Weg ist weiter/die Jeeps kommen später als man denkt... Foto: MNK


Foto: MNK


Unser Lager am See. Foto: MNK

Wenn ich den Kopf aus dem Zelt stecke, sehe ich den Kailash, wenn ich zurückschaue, das Gurla-Mandatha-Massiv (7730m). Ich sollte gar nicht erst versuchen, die Landschaft hier groß zu beschreiben, das bleibt wohl hinter allem zurück (wahrscheinlich genauso wie alle Fotos).


Kailash und Manasarovarsee. Foto: MNK


Raksastal (der böse Zwilling des Manasarovar). Foto: MNK


Raksastal. Foto: MNK

So sitze ich am Ufer und schaue mir die Augen aus dem Kopf, bis mich der Wind in das Zelt treibt. Ebendieser kann ganz schön kalt daherwehen, weswegen Lukas’ Heldentat, ein Bad im etwa 10° kalten See zu nehmen, von der motivationalen Seite her schwer nachzuempfinden ist. Aber er war fest entschlossen, heute morgen hat er die Hose vor mir heruntergelassen, um mir seine Hawaii-Badehose zu präsentieren (die dann aber leider nicht zum Einsatz gekommen ist).


Lukas büßt für seine Sünden im See. Foto: MNK

Vor ein paar Minuten ist die Sonne untergegangen, ein Schauspiel, das uns für einige Zeit in Bann gehalten hat.


Stupa am Manasarovarsee. Foto: MNK


Der Sonnenunterngang kann was.
Foto: MNK


Emotional mitgenommen muss ich bemerken, dass ich jetzt aber bitte schon einen Appetit hätte (Mingma nennt mich nur mehr Minki „Bog lagyo 24hrs“). ð Taraaa! Hier werden Wünsche wahr! Kaum schreibe ich dies, ertönt der Essensappell!

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Bevor ich mich der laut Max bisher kältesten Nacht anvertraue, muss ich leider noch berichten, dass die bei uns allen feststellbare besinnliche Stimmung gerade nur so lange anhält, als man See & Kailash sehen kann. Beim Essen rutscht das Niveau leider wieder auf die gewohnt niedere Ebene ab, woran stets und maßgeblich Lukas Schuld trägt, ich muss es in der Klarheit sagen. Ich selbst lache immer nur betreten. Glücklicherweise versucht Thomas dessen Ausfälligkeiten immer durch ein wenig Volkskunde auszugleichen, heute durften wir etwa erfahren, woher das Wort „Flohbeutel“ stammt. Getrübt wurde diese Aufmerksamkeit nur durch das Aufkommen eines handfesten Skandals: Er ist 45 und seine Freundin Martina nur 26! Das ist ja arg und kann auf keinen Fall gut gehen! Bald muss ich meinen Finger auf diese Wunde legen und mit den beiden ein Gespräch führen.
Was gibt es noch zu berichten? Wir haben uns heute im See getauft, Lukas firmiert ab heute unter dem schönen Namen „Katzi“, Florian muss sich etwas widerwillig „Resi“ nennen lassen, und ich werde nunmehr „Fuffi“ geheißen (warum auch immer). Mingma, der stadtbekannte Strizi, hat mir heute einen im Angesicht des heiligen Berges gefundenen Stein geschenkt, den er als „Shiva Linga“ bezeichnete – und tatsächlich schaut das Ding recht phallisch aus. Was soll man da sagen!? Ist das sexual harrassment?


Mingma mit Shiva Linga. Foto: MNK


Shiva Linga. Foto: MNK

Unser LKW-Fahrer ist übrigens ein Khampo, die früher als Räuber bekannt waren und generell als kernige Leute gelten („Oiso Buaschn wie wia!“). Er selbst ist zwar eher nicht kernig und schon gar nicht grimmig, dafür trägt er aber einen mords Dolch im Hosenbund, den er hingebungsvoll putzt. Als ich vorgebe, recht verschüchtert zu sein, freut er sich sehr.

Donnerstag, Mai 26, 2005

1. Oktober: Manasarovar-See - Einstieg zur Khora

Oiso ich muss euch sagen, letzte Nacht hab ich goa ned gut geschlafen. Diese Kälte, ich halt sie einfach nicht aus! Das heißt es wär’ schon gegangen, wenn nicht wieder die drei Flohpelze knurrend herumgelaufen wären – am Morgen pennen die drei Pelzdeppen so friedlich vor uns am Ufer als wäre nichts gewesen.


Hund vor Mandatha
Foto: MNK

Da es auch in der Früh recht frisch ist, wird der menschliche Geist erfinderisch – so schaut das modisch sehr ansprechende Ergebnis dann aus (übrigens mein letztes selbstgemachtes Bild der Reise):


Haute Couture auf höchstem Niveau (ca. 4300m).
Foto: MNK

Wir haben heute den See hinter uns gelassen und sind Richtung Kailash gezogen; das heutige Lager (4600m) liegt schon innerhalb der Khora. Auf dem Weg hierher hat sich vor der Besichtigung der Chyu-Gompa (Vogel-Kloster) die Gelegenheit für ein – huurrraa! – warmes Bad geboten. Am Fuß des Gompa-Hügels sprudeln warme Quellen aus dem Boden, über die man ein Glashaus gestülpt hat. Für 20 Yuan darf man dann, züchtig nach Geschlechtern getrennt, pritscheln was das Zeug hält. Wöööööööd.
Kurz vor Darcheng, dem letzten Ort vor unserem Lager, mussten wir uns wieder bei einem Militärposten registrieren lassen. Dort verspeiste ich vor den Augen immens interessierter Buben und Greise mein Lunch-Ei („In-den-Magen-hinein-Nachschauen“ ist eine sehr milde Beschreibung dafür) – als die Nachricht aufkam, dass man hier, mittens in der Pampa, nach Hause telefonieren kann. Hurtig begab ich mich in die Warteschlange. Man müsste das Kaff gesehen haben, um meine Verwunderung über die extrem gute Verbindung nachempfinden zu können. Zu Anfang war es mir noch, als rühre die Verzögerung bei Alois’ Antworten von den 5000 Kilometer Entfernung, dann aber stellte sich heraus, dass der Gute noch gepennt hatte (ein für Samstag Morgen, 7:30 Uhr Ortszeit, legitimes Unterfangen).

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Rund um den Kailash hat jeder Meter eine besondere religiöse bzw. historische Bedeutung, wie während des heutigen Nachmittagsspazierganges klar wurde. In der Nähe des Lagerplatzes (eine riesige Ebene, die im Mai während der Hauptpilgerzeit ein einziges Lager sein soll) kann man nicht nur die Meditationshöhle eines Bön-Zauberers und einen der etlichen noch folgenden „footprints“ Milarepas anschauen, sondern auch den Luftbestattungsfriedhof, auf dem begraben zu werden der Wunsch jedes (Tantra-) Buddhisten ist, denn von dort komme man direkt ins Nirvana. Wenn man dort etwas Physisches zurücklässt, so glauben sie, erlange man im nächsten Leben zumindest eine bessere Inkarnation. Der Ort hat für uns Westler etwas Makabres an sich, das Plateau ist mit Haaren, alten Kleidungsstücken, Knochenresten und Hackebeilen bedeckt. Eine Gruppe Tibeter sitzt neben uns und rastet; etwas weiter unten liegen Hunde, die als Hilfe bei der Bestattung gerne mal für die Geier einspringen – auch diese beiden Aktivitäten werden positiv auf dem Inkarnations-Konto verbucht.
Unterhalb des Friedhofs steht ein großer Masten, an den unzählige Gebetsfahnen gebunden sind, die im Wind knattern: durch das Licht der hinter den Bergen verschwindenden Sonne bisher wohl einer der schönsten Momente dieser Reise – wenn nur der Wind nicht so gegangen wäre, den braucht ja niemand (außer den Gebetsfahnen vielleicht)!

Mittwoch, Mai 25, 2005

2. Oktober: "Ruhe"-Tag am Manasarovarsee

Ich komme gerade von einer (für einen Ruhetag ziemlich ausgiebigen) Wanderung zurück, die uns weit in die sich scheinbar gleich hinter dem Lagerplatz erhebenden Schneehügel hätte führen sollen. Ich wollte schon wenige Minuten nach Marschbeginn die Gamaschen anlegen, aber nach einiger Zeit zeigte sich, dass man sich von der klaren Luft hat täuschen lassen, denn auch nach mindestens zwei Stunden hat man noch keinen Fuß in den Schnee gesetzt, und dann wird auch noch die Luft dünn. Als dann auch noch auf dem endlich erreichten Schnee kein Vorankommen ist, wird’s anstrengend. Dennoch habe ich die Momente, in denen ich in absoluter Stille ganz für mich war, sehr genossen; als ich oben auf der Bergschulter angekommen bin, war auch endlich der Kailash wolkenlos. Umso ärgerlicher, dass genau in diesem Moment die Kamera den Geist aufgibt (war wohl ein buddhistisches Fabrikat) und sicher erst wieder in urbanen Gefilden zu reparieren sein wird. Aaaaaarrrgh! Noch dazu ist es nicht meine, und die Cordi haut mich ohne Grund auch schon so! Ich muss ihr in Kathmandu was Glitzerndes kaufen, dann haut sie vielleicht nicht so fest. Beim Abstieg hatte ich ständig See und Kailash im Blick – 1000 Motive! Hoffentlich machen die anderen gscheite Bilder. Wenigstens kann ich mich jetzt aufs Schauen konzentrieren, muss weniger tragen und kann eine Lektion in Sachen Verlust lernen.
Nachdem ich wohl auf fast 5200m Höhe war und nun entsprechend faule Füße habe, zieht sich der Rückmarsch furchtbar, zumal man das Ziel von Anfang an im Blick hat und sich ihm kaum merklich nähert. Zu allem Überdruss wirkt der höchste Punkt meiner Wanderung lächerlich niedrig, flach und gar nicht weit entfernt, ich kann mich mit meiner Leistung also leider nicht vor den anderen produzieren...


Chhiring und ich vorm Manasarovar.
Foto: Andi S.

Schön war’s aber auf jeden Fall; ich sitze nun im warmen, windgeschützten Zelt, ordne (ob der dünnen Luft kläglich pfausend) mein Zeug und warte auf den Nachmittagstee beziehungsweise die Ankunft der Gruppe, die heute bei der Gössul Gompa war. Der See rauscht, der Wind bauscht und alle rund um mich ruhen. Des gfoit ma.

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Zum heutigen 5 Uhr-Tee hat sich unerwarteter Besuch eingestellt: Ein tibetischer Pilger, der sich in dem nur einige hundert Meter entfernten Kloster einen Sack Yakdung zum Feuermachen besorgt hat, ließ sich auf eine Tasse Tee einladen und ausgiebig bewundern. Neugierig geworden brechen wir zum Gegenbesuch auf. Die Pilgergruppe ist mit Pferden von weit her gereist und hat zum Zweck der Kailashumrundung (Khora) die Einser-Panier, wie Josef so schön festgestellt hat, angelegt; besonders die Frauen klimpern wie Christbäume. Diese Leute entsprechen wohl am ehesten unseren Vorstellungen von „echten“ Tibetern; der Gedanke, dass sie noch nicht das von der chinesischen Regierung vorgesehene Leben führen, ist ein durchaus angenehmer.
Beim Rückweg zum Lager ist Gelegenheit zum Sterngucken; bis zum Aufgang des Mondes kann man sogar die Milchstraße ziemlich deutlich sehen. In der Nacht ist es dank Vollmond so hell, dass man die Stirnlampe nicht wirklich braucht. Der wunderschöne Sternenhimmel entschädigt in der Nacht für die gewaltigen Mühen, die man zur Befreiung aus den Schlafsackschichten auf sich nehmen muss, um dem aufgrund der Höhe leider häufigen Harndrang nachzugeben, und für die Furcht vor den streunenden Hunden, die sich bei Dunkelheit gerne brummend zwischen den Zelten herumtreiben. Als ich zuvor nach dem Abendessen von Coalas Geburtstagseinlage als Sepp Forcher berichtete, huben wie aufs Stichwort im Küchenzelt die Nepalesen an zu singen. Das war so malerisch, dass mir die Idee kam, das „Klingende Österreich“ einmal hierher zu empfehlen – das wär’ doch was für den 25. Dezember! Wäui do im Himalaya, do gibt´s aa a scheene Musi!

Dienstag, Mai 24, 2005

3. Oktober: Khora, erster Tag

Ich sitze gerade im Zelt, das uns heute auf fast schon 5000m aufgestellt wurde, und trage aus gegebenem Anlass erstmals seit ich die Kontrolle über meine Kleidung übernommen habe eine lange Unterflak, die mir Gabi – Lob sei ihr und Dank – hier herauf mitgenommen hat. Unschwer ist zu erkennen, dass wir es heute recht frisch haben, und dass ich bei ein paar Graden plus mehr Spaß an der Sache hätte. Andererseits erhalten auf diese Weise diejenigen Momente des Tages, an denen es nicht kalt ist, etwa die Abendsuppenvertilgung oder die Pausen in den Teezelten, einen schönen Mehrwert. Diese Zelte wirken von außen ziemlich unscheinbar und wenig einladend, entfalten im Inneren aber eine erstaunliche Gemütlichkeit.
Da heute Sonntag ist, mussten wir zuerst ins Kloster (mir ist der Name entfallen, ich erbitte LeserInnenreaktionen!), durften aber anschließend gleich zum Frühschoppen ins Teehaus. Passt. Der folgende Anstieg war nicht besonders anstrengend, dafür war’s aber wie bereits erwähnt recht frisch.
Ich müsste jetzt raten, aus welchem Gestein der Kailash besteht (Granit?), die Felsen an seinem Fuß, an denen wir heute vorbei kamen, waren jedenfalls eine optisch ausnehmend ansprechende Konglomeratformation; so eine schöne Wand würde ich mir mit Bohrhaken versehen 4000m weiter unten und 5000 Kilometer weiter westlich wünschen... Ob es diese profanen Gedanken im Angesicht des heiligen Berges waren, die verhinderten, dass ebendieses Angesicht zu sehen war? Alle zwei Minuten warfen wir hoffnungsvolle Blicke hinauf zum Berg, aber keinen einzigen Augenblick zeigte sich der Gipfel – und das im Wissen, dass an den folgenden Tagen der Kailash sowieso kaum zu sehen sein wird! Ich selbst hätte zwar eh nicht viel fotografieren können (wir erinnern uns schmerzvoll), aber ein Dutzend anderer sehr wohl. Der hartnäckigste darunter war wohl Karl, den selbst ein schiacher Wind kaum von seiner Lauer abbringen konnte. Wir anderen knotzten währenddessen im Teahouse, wo wir von einer Gruppe frenetisch kartenspielender Tibeter auf wohltuende Art und Weise ignoriert wurden.


As good as it gets: Mehr zeigt uns der kailash nicht.
Foto: Gabi

Am Abend machten wir Bekanntschaft mit – ich gebe ihren Namen phonetisch wieder – Krysanschodo, einer unserer YakmanagerInnen. Sie ist alleine durch ihre Größe eine auffallende Erscheinung, freundlich und interessiert (besonders Gabi hat es ihr angetan) – leider funktioniert unsere Unterhaltung nur nonverbal, d.h. sie stößt recht bald an ihre Grenzen.
Da wir nur das Nötigste auf der Khora dabei haben, nehmen wir das Abendessen heute im Schneidersitz ein, was die ganze Sache verkürzt. Zu Beginn der Reise ist es mir noch sehr feudal vorgekommen, dass wir überall unsere Sesserl mitgeschleppt bekommen haben, aber hier zeigt sich schon allein am saftigen Knacken dutzender Knie die Sinnhaftigkeit dieses Accessoires.